Selfbranding im Netz

„Ich blogge, also bin ich“, lautet die Überschrift meines Artikels über Selbstpositionierung im Netz in der emotion 9/2013 vom 14.8.13 – und soeben fällt mir auf, dass ich den Artikel in der Zeitschrift hier noch gar nicht verlinkt habe. Als die Print-Ausgabe erschien (09/2013 EVT 14.8.13), war so viel los, dass ich irgendwie darüber hinweg gekommen bin. Schande!

Hier die gedruckte Fassung:

Wenn der Bedarf dringend ist: hier kann diese emotion-Ausgabe nachbestellt werden.

Der Artikel ist auch bei emotion.de auffindbar.

Hier mein Text in der Originalfassung. Er enthält quasi keine Verlinkungen – es ist halt ein Print-Text :-):

 

Das Netzwerk bringt die Jobs

Recherchieren, Shoppen, Banking, Kommunizieren – so nutzte Nina Claassen (43) das Netz. Bislang. Jetzt ist die Regisseurin und Schauspiel-Trainerin stolze Besitzerin ihres eigenen Blogs. Schreibt Texte über Theaterarbeit mit muslimischen Jugendlichen. Sucht Fotos von ihren Inszenierungen im Hamburger Flakbunker oder Österreichischen Schloss Mondsee heraus. Stellt Referenz-Projekte zusammen wie z.B. den neuen Kinofilm einer befreundeten Regisseurin. Und drückt mit klopfendem Herzen zum ersten Mal den „Veröffentlichen“-Button. „Ein toller Augenblick.“ Sie will ihre Arbeit über das Internet transparent und erlebbar machen – wie immer mehr Selbständige und Freiberufler.

Ob eigenes Blog, Fanpage bei Facebook und Profil bei Twitter oder Pinterest: Das Engagement im Web muss gar nicht beruflich motiviert sein wie im Falle von Nina Claassen. Hobby-Gärtnerin – oder Koch, Dekorateurin, modebegeisterte oder politisch aktive Frau: in Blogs stellen sie ihre Leidenschaften dar, hier vernetzen, vergleichen und inspirieren sie sich, fühlen sich bereichert beim Austausch mit Gleichgesinnten. Das Engagement reicht dabei von mehreren Beiträgen pro Tag bis zu einigen Einträgen im Quartal. Oftmals werden die Botschaften über die Plattformen Facebook oder Twitter in die breite Masse getragen, da hier viele Menschen registriert und präsent sind und so die aktuellen Botschaften aus dem Blog zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten.

Mit der Darstellung ihrer Arbeit möchte sich Nina Claassen potenziellen Kunden wie Theaterbetrieben und TV-Produktionsfirmen empfehlen. „Bislang habe ich von Mund-zu-Mund-Propaganda gelebt, aber ich merke, dass sich das erschöpft und ich Chancen verschenke. Über Google können mich Gesprächspartner und Interessenten nun auffinden, sich ein Bild machen.“ Die Kreative kommt in ihrer Branche mit kaufmännisch orientierten Netzwerken wie Xing oder LinkedIn nicht weiter: ihre Kontakte sind hier nicht präsent.

Lange hat Nina Claassen gezögert, sich zu exponieren,  „dabei surfe ich viel und begeistert.“ Sie hatte Hemmungen vor der Gratwanderung zwischen Selbstdarstellung und stinkendem Eigenlob. „Außerdem fand ich es völlig abwegig und unheimlich, nicht unter Kontrolle zu haben, wer was wann von dir sieht – das fühlte sich gefährlich an. Und dann noch negative Kommentare oder Reaktionen im Netz zu kriegen? Da blieb ich doch lieber in meiner kleinen idyllischen Welt offline.“

Mit dieser Sorge um den „Kontrollverlust“ im Netz ist Nina Claassen nicht allein – in Foren und Blogs wird darüber intensiv diskutiert. Nina hat ihre persönlichen Hemmungen gegen den erwarteten Mehrwert abgewogen und sich für „online“ entschieden. Der letzte Kick kommt mit der Webseite einer Freundin, eine bunte Mischung aus Blog und Portfolio. „Als ich erfuhr, dass es Blogsoftware gibt, die ich mit meinen Word-Kenntnissen in den Griff kriege und dass das ganze von den Kosten sehr überschaubar ist, gab es kein Halten mehr.“ Nun ist aus der  Regisseurin und Netz-Nutzerin eine Netz-Bewohnerin geworden, die nicht nur shoppt und recherchiert, sondern mit eigenen Inhalten auf ihrem eigenen Blog-Territorium agiert.

Während Nina Claassen noch nicht klar einschätzen kann, welche Kontakte und Möglichkeiten sich durch ihre Aktivitäten im Netz ergeben werden, spielt Anne Wizorek (32) die Klaviatur des Netzes, angefangen vom Texten im Blog bis hin zum schnellen Dialog Twitter oder der Jobsuche dort virtuos und nahezu rund um die Uhr. Sie ist eine bekannte Netz-Persönlichkeit mit vielen Facetten: Als Beraterin für digitale Kommunikation entwickelt sie  Strategien und Botschaften für Unternehmen und Organisationen, die im Netz kommunizieren. Parallel lebt sie ihr Interesse an feministischen Themen mit dem von ihr gegründeten Blog www.kleinerdrei.org aus. Hier hat sie einen festen Autorinnen-Stamm zusammengeführt, der über die Themen Internet, Film, Fernsehen, Musik, Sexualität schreibt: „Es geht um Herzensthemen aller Art, die in der Regel mit einer feministischen Perspektive betrachtet und beschrieben werden.“

Aufgrund ihrer klaren Positionierung als Aktivistin und der guten Vernetzung bei Twitter als @marthadear mit mittlerweile mehr als  8.000 Followern wird sie wahr genommen, als sie im Frühjahr bei Twitter den Hashtag (#) Aufschrei vorschlägt. Unerwartet viele Frauen berichten innerhalb weniger Tage über persönliche und zum Teil sehr intime Erlebnisse über Sexismus im Alltag, öffentlich und in nur 140 Zeichen. Unter dem Schlagwort #aufschrei formen sich zunächst im Netz diese Einzelerlebnisse sich zu einem imposanten Mitteilungsstrom. Schnell ist Anne Wizorek als Initiatorin in einer gesellschaftlichen Debatte die zentrale Ansprechpartnerin für Journalisten, sitzt schließlich als Talkgast bei Jauch – Ernte eines kontinuierlichen Engagements im Netz. Vor allem die Reaktionen im Netz halten die Beraterin wochenlang in Schach. „Exponiert zu sein hat auch einen Nachteil. Bei #aufschrei habe ich gemerkt, auf wie vielen Kanälen man mich erreichen kann.“

Auf dem Höhepunkt der Debatte empfängt Anne Zuspruch und extrem negativen Reaktionen im Sekunden-Takt: „Es gab Zeiten, da ist mein Posteingang explodiert.“ Die gute Vernetzung, über Jahre aufgebaut, zahlt sich in diesen anstrengenden, intensiven Tagen aus. „Ich habe tolle, schlaue, passionierte, gleich gesinnte Frauen kennengelernt. Sie haben mich aufgefangen und mich wieder aufgebaut.“

Wie hat sich die subjektive Öffentlichkeit, wie hat sich #aufschrei auf die Karriere ausgewirkt? „Es gab keine direkten Jobangebote, aber durch die Aufmerksamkeit natürlich eine noch breitere Vernetzung und die Positionierung als Expertin für dieses Thema. Dazu viele Einladungen auf Panels, zu Vorträgen – das freut mich natürlich.“

Für berufliche Zwecke nutzt die „Nerdette mit Wohnsitz Internet und Berlin“ (Selbstbezeichnung) nicht nur die auf Business ausgerichteten Plattformen LinkedIn und Xing: „Diese sind nicht zwingend die erfolgreichsten. Dort fehlt mir die persönliche Note. Der Mix bei Twitter aus Beruflichem und Persönlichem macht mich authentisch. So kaufen meine Kunden nicht die Katze im Sack.“ Neue Aufträge erhält Anne Wizorek, indem sie absehbare Kapazitäten twittert. Den Rest erledigt das große Netzwerk von fast 9.000 Followern. Sie unterscheidet nicht mehr, ob etwas online oder offline passiert, ob sie einen Menschen online oder offline kennen lernt: „Das hat für mich die gleiche Qualität.“

Den Wert der Vernetzung betont auch Stylistin Holly Becker (39). Sie macht eine Bilderbuch-Karriere, nachlesbar in ihrem Einrichtungs-Blog decor8blog.com. „Am Anfang brauchst Du nur einen kleinen Stamm loyaler Follower, die an Dich glauben. Der Rest ist Schneeballeffekt“, erinnert sich die Bloggerin an ihre Anfänge. Ihr Ziel war es, sich über ihren Auftritt erlebbar zu machen für interessierte Kunden und Magazine, für die sie schreiben wollte. Doch zunächst schläft das im Mai 2005 gestartete Blog wieder ein: „Mir fehlte es an Selbstvertrauen und ich wusste nicht genug übers Bloggen, um mich zu entwickeln.“

Ein dreiviertel Jahr später hört sie in einem Schreibkurs die Worte eines New York Times-Redakteurs: „Wenn Du nicht im Internet bist, dann existierst Du nicht.“ Die gebürtige Amerikanerin fährt nach Hause, öffnet ihr Blog und schreibt seitdem Tag für Tag über Design und Dekoration. Sie investiert viel Zeit, viel Arbeit. „Du kannst keine Pille schlucken und über Nacht Erfolg im Netz haben“, so die Bestseller-Autorin mit Wohnsitz Hannover. „Ohne Einsatz, Ausdauer und Leidenschaft geht es nicht.“

Sie lernt viel über Selbstmarketing und gibt dieses Wissen auch in Online-Kursen weiter: „Ich war immer vorsichtig, nicht zu werblich zu sein. Um sich selbst im Netz zu promoten, solltest Du nicht zu energisch oder verzweifelt wirken. Lieber selbstbewusst deine Errungenschaften zeigen und dann auch wieder mit anderen Themen fortfahren.“ Ihr Plan geht mehr als auf: Sie gehört zu der Liga von Bloggern, deren Träume wahr wurden: Online- und Print-Kolumnistin, Berichte in Zeitschriften, Promotion-Reisen um die Welt, zwei Design-Beststeller, Vorträge und herausragende Kunden wie zum Beispiel Top-Designer Jonathan Adler.

Viel auf Reisen ist auch die Autorin Deanna Zandt aus New York. Sie tritt weltweit als Speakerin auf und berät Unternehmen und Organisation beim Storytelling im Netz. Zandt lebt seit 1994 im Netz und knüpft frühzeitig ihre Freundschaften auch im Internet Relais Chats (IRC), sehr zur Sorge ihrer Eltern und lange bevor Soziale Netzwerke Menschen miteinander privat und beruflich verlinken. „Nur bei meiner ersten Anstellung habe ich mich wirklich beworben, meine Deutschkenntnisse haben mir damals den Job gebracht. Seitdem“, so die 38jährige, „habe ich in mein Netzwerk investiert und das Netzwerk hat mir die Jobs gebracht. Beziehungen sind für mich einfach sehr wichtig.“

Für die Finanzierung ihres Buches „Share this“ setzt Zandt auf Crowdfunding, also das Einsammeln von Geldern über eine große Anzahl von Förderern – lange, bevor es Plattformen wie startnext.de oder kickstarter.com gibt: „Ich bekam keinen Vorschuss. Also habe ich meine Kontakte gebeten. Dabei kamen 6.000 Dollar, drei Monate kostenlose Pizza und eine neue Brille zusammen – great!“ Bis auf eine Person kennt sie alle Geldgeber – ihr Netzwerk.

Wo wäre sie heute beruflich ohne das Internet? Die quirlige Frau lacht. „Ich wäre ich eine Sprachwissenschaftlerin mit dicker Brille irgendwo in einer dunklen Uni-Kammer.“ Mittlerweile hat die US-Amerikanerin das Beratungsunternehmen „Lux Digital“ gegründet und pendelt zwischen New York und Berlin.

 

 

Nina Claassen (43)

Freie Regisseurin und Schauspiel-Trainerin

www.ninaclaassen.com

 

Anne Wizorek (32)

Digital Consultant, Aktivistin, Bloggerin

www.kleinderdrei.org

@marthadear (Twitter)

 

Holly Becker (39)

Autorin, Interior Stylistin, Journalistin, Gründerin von www.decor8blog.com

@decor8

 

Deanna Zandt (38)

Gründerin von „Lux Digital“

www.deannazandt.com

@deanna

 

GLOSSAR

Blog – Funktion: berufliche und private Profilierung, chronologisch geordnet. Das Blog kann bei Anbietern wie z.B. Blogger.com oder WordPress.de angelegt werden (Serverdienst) oder selbst betrieben werden, dann muss eigener Webserver gemietet und eingerichtet werden. Blogger folgen sich über die Blogroll und demonstrieren so, mit wem sie vernetzt sind bzw. wem sie folgen.

 

Facebook – Funktion – ursprünglich gegründet zur privaten, gegenseitigen Vernetzung („Freunde“), mittlerweile ergänzt um Fanpages für Prominente oder Marken zu Marketing-Zwecken (Werbung, Kundenpflege, Service). Hier: „Fans“, einseitig.

 

Twitter – breite Funktionspalette von Newsticker, Markenbotschaften und Kundenservice, Ankündigen und Empfehlen von  Blogbeiträge per Kurz-Link, Dialogkanal oder Micro-Bloggen in 140 Zeichen. Einseitige Vernetzung. Follower.

 

Instagram – gegründet als Plattform zum Teilen von Fotos. Gehört mittlerweile zu Facebook, Follower, einseitige Vernetzung.

 

Pinterest – im Wort vereinen sich „pinnen“ und „Interest“ (Interesse) – Nutzer sammeln Bilder an Pinboards und verlinken über das Bild auf ihren Blog oder Online-Shop. Einseitig. Follower.

 

Xing & LinkedIn – Nutzer legen berufliches Profil mit Werdegang und Interessen an. Gegenseitige Vernetzung, stark v.a. im kaufmännischen Bereich.

 

 

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